Hubs und Super-Hubs

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Wissen Sie was ein Hub ist? Natürlich! USB-Hub, Firewire-Hub, Media-Hub – das kennen wir doch alles. Einer der typischen unvermeidlichen Anglizismen, für die es einfach kein deutsches Wort gibt. Dann gibt es da noch die Super-Hubs. Die haben mit Computern aber nichts zu tun. Das ist eine Gruppe ganz bestimmter Menschen. Und über diese gibt es jetzt ein aufschlussreiches Buch.

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Manche Bücher liefern dem Leser Variationen eines bekannten Themas. Manche sind insoweit identitätsstiftend als sie bestätigen was man immer schon dachte. Manche liefern neue Gedanken, die man als Bedrohung empfindet – dann liest man sie meist nicht zu Ende. Manche präzisieren Dinge, die man irgendwie ahnt, erzählen nicht unbedingt grundlegend Unerwartetes, aber irgendwie dann doch. Denn in der Dimension ist es plötzlich überraschend.

Sandra Navidi (hier ein kurzes Gespräch, das ich einmal mit ihr führen konnte) ist Insiderin der internationalen Finanzszene. Sie hat ein Buch über die Netzwerke der Community geschrieben. Netzwerke deren Teil sie selbst ist.

Aber ihr Buch ist dennoch mit einer gehörigen Distanz zur eigenen Community geschrieben. Dies ist ein Buch über die Finanzeliten und die Bedeutung ihrer Netzwerke. Wer zu dieser Elite gehört, bekommt in jedem Zinsumfeld jede Summe. Wir können mittels Geldtheorie, Risiko-Rendite-Betrachtungen und sonstigen Analysen zu erklären versuchen, warum die Reichen überproportional zur übrigen Bevölkerung immer reicher werden. Wir können aber auch einfach Navidi lesen und erhalten die Erklärung jenseits der Analysen und Armuts- und Reichtums-Indizes.

Die Netzwerke, die alles vor allen anderen wissen. Denn die wichtigste Währung neben Geld – dies in Milliardenhöhe natürlich stets vorausgesetzt – ist Information. Das Merkel-Schäuble’sche Leitbild von der schwäbischen Hausfrau ist zwar ohnehin nicht mehr so ganz auf der Höhe heutiger Geschlechterrollen, und da, wo es noch existiert, erzählt die bezeichnete Hausfrau ihrem Mann durchaus auch etwas von billigem Baugeld, aber lassen wir das. Die Absurdität solcher Leitbilder zeigt sich in diesem Buch mehr als irgendwo sonst.

In unprätentiöser ebenso präziser wie verständlicher Sprache mit sehr guten Zusammenfassungen der Kapitel, die den Leser nie den Überblick verlieren lassen, zeigt die Autorin die Bedeutung der Netzwerke der Finanzindustrie in theoretischen Kategorien (in etwa entsprechend den Buchkapiteln) der Netzwerktheorie auf. Das Buch ist sehr tiefgründig recherchiert. Sie hat unter anderem auch eine Fülle wenig bekannter Studien überwiegend aus amerikanischen Quellen herangezogen. Eine Soziologie der globalen Top-Netzwerke, die ohne großen statistischen Ballast auskommt und deshalb nach Wahl gelesen werden kann – tiefgründig studierend oder leichtlebig unterhaltsam. Beides geht.

Man ist teilweise überrascht über die Einfachheit des Groupthink – oder wie sie schreibt – der Homophilie dieser Netzwerke. Und auch über ihre Männerdominanz. Dann wieder ist es völlig klar und plausibel. Nur so drastisch hat man es sich einfach nicht vorstellen können. Und dennoch – immer wieder dringt sie auf Empirie und grenzt sich konsequent von jeglichen Verschwörungstheorien ab.

Gleichzeitig haben die beschriebenen Akteure Gesicht, Charakter, Stärken, Schwächen, sind menschlich allzu menschlich. Denn Sandra N. kennt sie alle. Und beschreibt sie alle, ohne sie abzuurteilen. Es ist erstaunlich wie die Autorin ihre Nähe zur Szene freimütig offenlegt und dennoch die Distanz wahrt, die es braucht, um ein solches Buch zu schreiben. Diese Distanz befähigt sie, nicht persönlich zu werden zu Menschen, die zwar ausnahmslos egomanisch, aber irgendwie auch genial sind, sondern systematisch zu bleiben. Diese Genies haben gelernt, mit der Ausnutzung eines immer laxeren Systems in exklusiven Netzwerken superreich zu werden und dabei das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns doch glatt zu vergessen.

Es bleibt nicht ohne Konsequenzen, dass die Autorin auf diesem Grat wandernd schreibt: Man muss schon selbst denken und seine Schlüsse ziehen. Sie vermeidet es über ihr gesamtes Buch geradezu peinlich korrekt, dem Leser eine ethische Meinung oder Deutung unserer finanzialisierten Welt vorzuschlagen.

Sie spricht zwar offen aus, dass diese Macht definitiv größer ist als demokratische Prozesse und diese massiv überformt. Sie zeigt offen die Vernetzung von Finanzsektor und Politik, die über Netzwerke organisiert ist, die Wirklichkeit der Drehtüren, die in alle Kapillargefäße politischer Prozesse eindringt. Als Fallstudie dienen vornehmlich die (nach einer namhaften Studie amerikanischer Professoren ohnehin von der Demokratie zur Oligarchie mutierten) USA, aber man sieht sofort – das Prinzip $uper-Hubs ist überall.

Und es wird immer deutlicher, dass es sich hier um etwas anderes handelt, als ein gewöhnliches Schema „Ihr da oben – wir da unten“. Das wäre ja auch alles halb so schlimm. Dieses geradezu nostalgisch schöne einfache Schema hat uns in unserem Land über Dekaden von Prosperität und Vertrauen in ein funktionierendes öffentliches Gemeinwesen begleitet ohne Schaden anzurichten. Das wäre auch nicht das Weltbild von Sandra Navidi. Sie entstammt einer mittelständischen Unternehmerfamilie aus Mönchen-Gladbach, eine alles andere als antikapitalistische Biografie. Aber man spürt beim Lesen ihr Bild der Gesellschaft, in der sie aufgewachsen ist – deren Akzeptanz und damit Zusammenhalt sich aus einem Mindestmaß an Fairness speist. Ich musste beim Lesen ihres Buches oft an den früheren Arbeitgeberpräsidenten und heute noch aktiven Unternehmer Martin Kannegiesser denken, der mitten im Finanzcrash 2009 einmal im Deutschlandfunk seinem Ärger über die spekulative Abteilung der Finanzwelt Luft gemacht und eindringlich angemahnt hatte, dass der Welt so etwas nicht nochmals serviert werden dürfte. Er konnte noch nicht wissen, dass das alles noch viel verrückter wird mit all seinen Folgewirkungen von der Kreditklemme über die finanzielle Repression zur Geldflutung. Und dass genau diese spekulativste Abteilung am wenigsten geschwächt von allen aus der Sache herausgekommen ist.

Der Autor dieser Zeilen müsste sich mit alldem ja nicht unbedingt beschäftigen, wenn nicht – ja – wenn nicht alles auch irgendwie mit Geld als Wertspeicher für die Altersversorgung zu tun hätte. Und dies gilt übrigens auch im Einklang mit der von den Befürwortern reiner rentenpolitischer Umlagefinanzierung geliebten Mackenroth’schen These, dass aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muss. Auch in diesem Sinne kann der Aufbau eines Kapitalstocks erfolgen und stellt insoweit dann eine von der Gegenwart in die Zukunft verlagerte Zeitpräferenz dar – natürlich zu Renditen, die sich ihrerseits nicht von der Entwicklung von Produktivität und Volkseinkommen abkoppeln können. Und auch in diesem Sinne können das von realer Wertschöpfung abhängige Volkseinkommen und hierdurch per Umlage finanzierte Renten in einer durchfinanzialisierten Ökonomie Schaden nehmen. In ihr gibt es keinen sicheren Hort – willkommen in der Realität.

Was, wenn in einem gigantischen globalen Mechanismus die Risikoprämien zugunsten derjenigen, die Risikopuffer haben, extrem hoch werden und ebenso in steigenden wie in fallenden Märkten erwirtschaftet werden können, während diejenigen, welche für die Zukunft gespeicherte Werte mit einer hohen Zuverlässigkeit benötigen, um ihre Rente bangen? Und wenn die lädierten Staatskassen versuchen, sich schadlos zu halten mittels einer Politik finanzieller Repression, die ihnen eine Refinanzierung – besser: Entschuldung – zu billigsten Zinskonditionen beschert, aber die Sparer enteignet? Diese normalen Sparer, die vor allem deshalb keine Investoren sind, weil sie es mangels Risikopuffer gar nicht oder nur sehr begrenzt sein können.

Und wenn wir dann sehen, wie wichtig für eine gute Altersversorgung – sei sie umlagefinanziert oder kapitalgedeckt oder am besten beides – ein stabiles handlungsfähiges Gemeinwesen auch im Rahmen einer europäischen Union ist, und wie wichtig mehr Investition von Versorgungskapital in Substanzwerte anstatt in eine immer unsicherere Zins- und Geldpolitik oder intransparente Risikoprodukte, dann landen wir irgendwie doch wieder – bei den Super-Hubs.

Was nun mit alldem tun?

Am Ende gibt Navidi nur einige skizzierte Antworten, eher Richtungen als konkrete Vorschläge. Und das gefällt mir besonders. Auch hier ist selbst denken und diskutieren vonnöten. Sie kleidet ihre Vorschläge ein in eine Beschreibung der Ideologie und Kultur der Netzwerke, die alle Regulation verachtende „Fang-mich-doch“-Kultur, wie sie es nennt. Es wird deutlich: So geht es auf Dauer nicht weiter.

Aber wie?

Ein Gewerkschafter ebenso wie ein unternehmerisch kritisch Denkender kann nach der Lektüre über die Entmachtung der Finanz-Netzwerke und stattdessen die Stärkung realer Wertschöpfung in der Wirtschaft nachdenken. Oder über die eigene Ohnmacht. Nachdenklich wird er in jedem Fall.

Aber ein Bewunderer dieser Netzwerke kann auch an den eigenen Strategien feilen, wie er dort den Eingang finden und dazugehören kann.

Die erstgenannte Gruppe sollte es unbedingt lesen.

Die zweitgenannte tut es sowieso.